Positionspapier von reclaim society!

english version of the statement

Aktivist_innen haben die Arbeit von reclaim society! unter verschiedenen Aspekten kritisch markiert und Transparenz bezüglich unserer Arbeit gefordert. Mit folgendem Positionspapier möchten wir diesem Wunsch nachkommen und hoffen in Zukunft selbstkritischer und transparenter zu arbeiten.

wir

“Wir wollen nicht Teil des Spektakels, sondern Teil des Untergangs des Spektakels sein.”

 reclaim society! ist eine Gruppe, die sich 2010 als Projekt, um zu den Themen “Migration”, “Asyl” und “Rassismus” zu arbeiten, in Potsdam/ Berlin geformt hat. In unserer kollektiven Entwicklung hat sich mehr und mehr ein herrschaftskritischer Ansatz mit dem Fokus auf weiße Vorherrschaft durchgesetzt. Unter weißer Vorherrschaft verstehen wir ein globales System, welches Rassismus und somit rassistische Zustände erst ermöglicht. weiße Vorherrschaft geht einher mit weißSein als Norm, weißer Solidarität und weißen Privilegien. weiße Vorherrschaft wird im Kontext der bundesrepublik durch gesellschaftliche, Regierungs- und Nicht-Regierungs-Institutionen (z.B. Bildung, autonome und selbstorganisierte Strukturen und Gruppen) aufrecht erhalten und funktioniert sowohl subtil, z.B. durch Schweigen, als auch direkt und offensiv. reclaim society! möchte unterdrückende Normen und Systeme angreifen und hat in bildungspolitischer Arbeit einen Kontext gefunden, in dem durch Inputs, Workshops und dem Organisieren von Veranstaltungen, Rassismus als Teil von weißer Vorherrschaft markiert und bekämpft werden kann.

Der rs! Aktivist_innenkreis hat sich in den fast drei Jahren unserer gemeinsamen politischen Arbeit stets verändert. Einige Aktivist_innen haben sich als People of Color, als Geflüchtete, als Menschen mit Fluchterfahrung, als Roma oder als migrantisch positioniert. Andere als weiß. Aktuell besteht rs! aus Aktivist_innen of Color mit und ohne Fluchterfahrungen und Menschen die in einem rassistischem System als weiß gelesen und somit privilegiert behandelt werden. Hier ist es uns wichtig unseren People of Color Begriff transparent zu machen: People of Color ist in unserem Verständnis eine emanzipatorische Selbstbezeichnung von Menschen, die in einem bestimmten Kontext, hier: brd/ westeuropa, Rassismus erleben. In unserem PoC-Begriff schließen wir die Erfahrungen von als “slawisch” markierten als auch von jüdischen Menschen mit ein. Für uns ist selbstverständlich, dass nicht alle von Rassismus negativ Betroffenen die gleiche Position haben/ vertreten; daher haben/ vertreten auch nicht alle Menschen die sich z.B. als PoC positionieren die gleichen Positionen.

Bevor das PoC Konzept ein Akt des Widerstands wurde, war es ein Teil weißer „Rassen“trennung, welchen sich PoC angeeignet und so gegen weiße Gewalt gewendet haben. Deswegen stellt das Konzept an sich schon weiße Vorherrschaft in Frage und wird in der Konsequenz von weißen / weißen Strukturen angezweifelt. Wir sind alle von weißen Strukturen instrumentalisiert, rs! eingeschlossen, aber nur wenn wir dies anerkennen, können wir weiße Strukturen angreifen. Das heisst, dass wir nur durch das Benennen von weißer Gewalt und dadurch, dass weiße ihre Rolle in der Aufrechterhaltung von weißer Vorherrschaft anerkennen, einen Prozess eingehen können um Herrschaftsverhältnisse in Frage zu stellen und irgendwann weiße Vorherrschaft/ Rassismus zu Fall zu bringen. Wir distanzieren uns von Identitätspolitiken und sehen Selbstbezeichnungen, so wie PoC, als notwendige Werkzeuge um weiße Vorherrschaft anzugreifen.

reclaim your voice Projekt

Innerhalb des rs! Projekts “reclaim your voice” sind u.a. einige weiße zwischen November 2010 und Juli 2012 in Lager gegangen und haben dort mit Kindern und Jugendlichen Theaterkurse konzipiert und geteamt. Durch das ‘freie’ Rein- und Rausbewegen aus den Lagern haben die weißen ihre Privilegien der Bewegungsfreiheit vorgeführt. Außerdem wurden durch das Teamen der Kurse Bilder von weißer Autorität und somit Überlegenheit re_produziert. Die weißen haben dadurch gewaltvolle Erfahrungen von weißer Herrschaft geschaffen. Ab Frühjahr 2011 wurde dies von PoC und Roma Mitgliedern von rs! markiert, während weiße dazu schwiegen. Nur durch das Markieren durch PoC und Roma, haben die weißen realisiert, dass sie – bewusst oder unbewusst – kontinuierlich Gewalt ausüb(t)en.”. Die weißen konnten nur durch den Widerstand von PoC und Roma zu Halt gebracht werden. Es war eine Herausforderung für die weißen den Widerstand zu akzeptieren, was zu langen, jedoch bereichernden und fortwährenden politischen Prozessen geführt hat, von denen weiße bis heute profitieren.

Seit Juli 2012 ist das Projekt in einer Sommerpause und zwei of Color positionierte Aktivist_innen von rs! werden das Projekt ab Herbst 2012 wieder aufgreifen.

Ziele und Strategien

 Auch wir leben und bewegen uns innerhalb des Systems, d.h. auch wir sind nicht frei von den verschiedenen Herrschaftsverhältnissen. Dadurch kommt Rassismus/ weiße Vorherrschaft auch in rs! vor und wir übernehmen die Verantwortung dafür. Wir versuchen dies in einem kollektiven Prozess zu markieren, reflektieren und versuchen gemeinsam sicherere Räume zu schaffen.

Unser Ziel ist eine herrschaftslose Gesellschaft in der Menschen sich autonom und bedürfnisorientiert selbst organisieren können. Wir solidarisieren uns mit deprivilegierten Gruppen und Individuen und versuchen die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse und Unterdrückungsmechanismen als miteinander verstrickt zu denken und diese kontinuierlich in uns selbst und unserem Umfeld zu markieren und zu hinterfragen. Wir sehen dies als einen fortwährenden individuellen und kollektiven Prozess.

Wir arbeiten mit demokratiekritischen Gruppen und Individuen zusammen, die unsere Ansätze teilen und mit denen wir gemeinsam politisch wachsen können. Das heisst wir nehmen Abstand von essentialistischen Solidaritätskonzepten oder aktiv Herrschaft aufrechterhaltenden Gruppen und Personen.

rs! ist Teil verschiedener Netzwerke und Bündnisse, z.B. des No Border Berlin Netzwerkes (http://noborderberlin.wordpress.com/).

rs! vertritt die Ansicht, dass weiße sich mit sich selbst, mit anderen weißen und den von weißen kreierten Problemen wie Rassismus auseinandersetzen müssen. Wenn dies geschieht, sieht rs! weiße als potentielle Verbündete (‘allies’) von PoC, Geflüchteten {…} im Kampf gegen weiße Vorherrschaft. PoC in der Gruppe wollen vor allem für die Unterstützung für von Rassismus negativ betroffene Menschen da sein. Daher werden Inputs und Workshop in verschiedenen Konstellationen (unter anderem auch mit weiß positionierten Teamer_innen) durchgeführt, wobei immer mindestens eine PoC teamt und weiß positionierte Personen zum Mitteamen von dieser explizit angefragt werden.

No Border Networkings

Als eine antirassistische/ Rassismus-kritische Gruppe fühlen wir uns der Vision einer Welt ohne weiße Nationen (wir schreiben weiße um ‘Nation’ als weißes Konzept zu markieren) und Grenzen verpflichtet. Wir nehmen die No Border Bewegung als ein potentiell starkes Netzwerk im Ankämpfen gegen weiße Vorherrschaft/ Rassismus wahr. Wir verstehen white awareness als ein grundlegendes Werkzeug um diesen Kampf aufzunehmen. Die Köln-Vorbereitung hat im allerersten Vorbereitungstreffen selbst auf ihre fehlenden white awareness-Strukturen, sowie die rassistische Gewalt die weißsein innerhalb des Vorbereitungsprozesses produziert hat, hingewiesen. Deshalb wurde white awareness als einer der Grundpfeiler des Camps und all seiner Strukturen beschlossen. Zahlreiche Informationsmaterialien über weißsein/ Rassismus wurden vor und während dem Camp zur Verfügung gestellt (über Arbeitslisten, die Infobroschüre und Reader auf dem Camp), die den Umgang mit weißSein auf dem Camp transparent machten. Während des Vorbereitungsprozesses gab es den Raum, Sorgen über die Art und Weise wie das Thema white awareness behandelt werden würde, zu äußern. Obwohl white awareness als Grundlage des Camps angekündigt wurde, wehrten sich Individuen und Gruppen gegen die Markierung von und Kritik an Strukturen weißer Vorherrschaft und individuellem/ kollektivem rassistischen Verhalten. So wurde der beschlossene Konsens aktiv gebrochen um weiße Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. Wir sind davon überzeugt, dass die No Border Bewegung Grenzen nur bekämpfen kann, indem Machtstrukturen wie weiße Vorherrschaft/ Rassismus radikal in Frage gestellt werden, was beinhaltet, dass weiße ihre Machtpositionen aufgeben müssen. Dadurch dass wir (auf den Camps) viele Menschen und Gruppen getroffen haben, die diese Ansichten teilen, sind wir motiviert an der Mobilisierung für das Netzwerk des No Border Berlin Camp 2013 teilzunehmen und weiterhin in kollektiven Prozessen mit Anderen alle Formen von Herrschaft radikal in Frage zu stellen.

Finanzierung

Die finanziellen Mittel von rs! bestehen aus den Aufwandsentschädigungen bzw. Honoraren für Inputs und Workshops die von rs! organisiert und geteamt werden. Mitglieder von rs! nehmen Honorare/Aufwandsentschädigungen nicht persönlich in Anspruch. Eine hohe Spende, die 2011 an rs! herangetragen wurde, haben wir wegen den Bedingungen die dadurch auftauchten und der dadurch ausgeübten Kontrolle und Macht kollektiv im Sommer 2012 abgelehnt und an den_ie Spender_in zurückgegeben. Außerdem möchte rs! als Gruppe unabhängig bleiben und Projekte/ Programme selbstfinanziert durchführen. Deswegen kann rs! keine externen Projekte finanzieren.

Die Teilnahme von rs! Mitgliedern an den No Border Camps 2012 in Stockholm und Köln wurde nicht von rs!-Geldern finanziert.

Gemeinsam wachsen

Solidarische Kritik stehen wir immer offen gegenüber – denn wachsen können wir nur gemeinsam. Wir streben lebenslanges, selbstorganisiertes Lernen zusammen mit euch an!

Wenn ihr euch in unserer politischen Herangehensweise und unseren Visionen wiederfindet – ob als Einzelperson oder Gruppe – freuen wir uns wenn wir ein Zusammenkommen organisieren können. rs! ist immer offen für neue Ideen der gesellschaftlichen Umwälzung!

 Wir freuen uns auf euch!

reclaim society!,

Berlin, August 2012

Positionspapier als pdf

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