15.06 *Dr. Michael Brune: Kulturalisierung individueller, sozialer und politischer Problematiken*

Zur gestrigen sechsten Veranstaltung unserer Veranstaltungsreihe hatte sich der Psychiater und praktizierender Psychotherapeut Dr. Michael Brune im Hörsaal eingefunden. Seit circa zwei Jahrzehnten arbeitet er mit Geflüchteten und deren Traumata, derzeit in der Hamburger Praxisgemeinschaft „haveno – Psychotherapie und interkulturelle Kommunikation“.

Das Thema Brunes Vortrags war die Nutzung bzw. der Missbrauch des Begriffs ‘Kultur’. Der Psychiater erzählte, wie ihm in seiner Ausbildung die sog. kulturelle Kompetenz als zentrale Qualifikation eines Therapeuten und notwendige Basis für eine erfolgreiche Therapie bei vermeintlichen ‘kulturellen’ Differenzen nahegebracht wurde. In einem langen Prozess habe er diese Ansicht für sich allerdings grundlegend geändert.

Zwei Schlüsselerlebnisse aus der beruflichen Praxis hätten ihn zu der Erkenntnis geführt, Lebensgeschichte, soziale Umstände oder die Unterschiede ländlicher und städtischer Lebensräume seien wichtiger als eine angenommene Kultur; darüber hinaus sei „die einheitliche Kultur eines Landes“ letztlich eine „Illusion“.

Weiterhin plädierte Brune für eine Kommunikation über Gemeinsamkeiten und stellte heraus, es gebe zwar unterschiedliche Typen von Menschen, diese hätten aber wenig mit ‘nationaler’ oder ‘ethnischer’ Herkunft von Menschen zu tun.

 Zu einer kontroversen Diskussion zwischen dem Vortragenden und Publikum kam es über den Begriff ‘Integration’; Brunes grundsätzlich positiver Auffassung mit Anerkennung einer falsch geführten Debatte in Deutschland stand die grundsätzliche Ablehnung der Integration als politische Machtausübung gegenüber. Die Notwendigkeit einer Anwendung des Begriffs als soziologisches Beschreibungsinstrument anerkannten aber beide Seiten.

Im Anschluss kritisierte Brune den derzeit vorherrschenden Kulturbegriff als Ersatz für rassistische Termini. Kulturalistische Denkweisen stünden auch der Klassensolidarität entgegen und seien manchmal gewollt, um Proteste zu unterbinden.

 Im letzten Teil seines Vortrags benannte Brune auch positive Stereotypisierungen als Rassifizierungen und Trägerinnen der Möglichkeit negativer Zuschreibungen. Der daraus folgende Begriff des ‘positiven Rassismus’ wurde aus dem Publikum als in sich paradox kritisiert. Brune bezeichnete weiterhin die „Tierschutzmentalität“ einiger Opferhilfevereine als rassistisch und kritisierte die Existenz eines Berater_innen-Marktes, der rund um die Situation Geflüchteter und Asylbewerbender entstanden sei.

In einer sich anschließenden Diskussion wiesen Vertreter_innen des Publikums auf die Pflicht weißer hin, vor und für antirassistische Arbeit ihre eigene Position zu reflektieren und niemals für POCs, Migrant_innen oder Geflüchtete zu sprechen, besonders vor Medien bzw. in der Öffentlichkeit.

Die Ausführungen übertrug Brune auf seine Arbeit, in der kontinuierliche Selbstreflexion genauso nötig sei.

In der abschließenden Fragerunde beantwortete Brune einige Fragen zur therapeutischen Praxis, wobei er Nebenwirkungen jeder Hilfe eingestand, das Leben in (Asylbewerbenden-)Heimen eine „Katastrophe“ nannte, den (bürokratischen) Weg Geflüchteter zu einer Therapie bei ihm als relativ unproblematisch bezeichnete und noch einmal seinen Begriff von Kultur als Code zur Definition und Vermittlung von Gedanken formulierte.

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