01.06.: *Mutlu Ergün: “Wo kommst du her?” – P.O.C. als (neo-) kolonialer Widerstandsbegriff in Deutschland*

Letzten Mittwoch hatten wir Mutlu Ergün zu Gast an der Uni Potsdam.

Er dekonstruierte “deutsch-Sein” als eine Fantasierung im Zusammenhang mit “weiß-Sein” und mit damit einhergehenden Blut-und-Boden-Theorien.

Weiter verbreitete er die emanzipatorische Selbstbezeichnung POC (People Of Color) in mehreren Schritten.

Zu erst führte er die Problematiken der meist unbedacht reproduzierten Fremdbestimmungen auf: “Minderheit”, “Ausländer_in”, “Mitbürger_in mit Migrationshintergrund”, “Deutsch-Türk_in”. Erstes gehe einher mit einer gedachten “Minderwertigkeit” und verschleiere die globalen Zusammenhänge, in denen weiße nämlich nur ca. 8% der Weltbevölkerung darstellen. Das A-Wort ist auf ein konstruiertes “Inländer_in” gebaut und ist für die meisten POCs gar nicht stimmig, da sie z.B. nicht Opfer von “Ausländerfeindlichkeit” (denn sie sind hier geboren und/oder haben den deutschen Pass) sondern von Rassismus werden. Außerdem ReProduziert diese Fremdbestimmung gedachte “nationale Grenzen” und verfestigt diese – genauso wie “Deutsch-Türk_in” und andere Bindestrich Bezeichnungen, welche es nicht schaffen sich von nationalen Konstrukten zu lösen. “Mitbürger_in mit Migrationshintergrund” oder recht neu im Umlauf “mit Zuwanderungshintergrund” ist immer in binärer Opposition zu einer als “natürlich” in Deutschland verortet konstruierten Gruppe (wir erinnern uns: “Blut und Boden”) gestellt. POCs sollen sich also hiernach, wie bei der Bezeichnung “Nicht-weiß“, als “defizitär” zum Zentrum (weiß-Sein) verorten.

Ergün spricht sich für den POC-Ansatz aus, da es eine Selbstbezeichnung – kommend aus den USA – von sich zusamenschließenden und als Familie empfindenen Gruppen beschreibt. Wichtig ist zu sehen, dass diese Selbstbezeichnung nichts mit einer Hautfarbenkonstruktion zu tun hat sondern es hier  um einen gemeinsamen, wenn auch sehr unterschiedlichen, Rassismus-Erfahrungshorizont, geht. Das koloniale Teilen-und-Herrschen-Prinzip soll hierdurch gebrochen werden und POCs sich, hierdurch, als empowerte Gruppe verstehen. Eine Solidarität unter POCs soll so weiter ausgebaut werden und eine mentale Dekolonisierung stattfinden.

Wichtig ist, den Begriff immer so, also “People Of Color”/ POC zu verwenden und ihn nicht ins deutsche zu übersetzten oder etwas “colored People” sagen – dies steht nämlich in einer rassistischen Linie von kolonialen Fremdbezeichnungen. POC ist als Begriff emanzipatorisch und kann dies nur sein wenn richtig geschrieben und im Inhalt nicht verdreht.

POC wird von Ergün auch als Kampfbegriff klassifiziert, mit wessen Hilfe, Räume für eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus geschaffen werden sollen. POC ist kein statischer Begriff sondern dynamisch und immer im Wandel – eine Person muss diesen Begriff für sich wählen und ihn somit mit Leben füllen.

Tipp: Ergün, Mutlu (2010): Kara Günlük – Die geheimen Tagebücher des SESDERADO; Münster.

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